Historische Ereignisse und Personen in der deutschsprachigen Literatur 1945–2000

Pleßke, Hans-Christoph: Historische Personen und
Ereignisse in der deutschsprachigen Literatur
1945–2000 : eine Bibliographie / Hans-Christoph
Pleßke.
Stuttgart : Anton Hiersemann Verlag, 2017.
XI, 544 Seiten ; 28 cm
(Hiersemanns bibliographische Handbücher ; Band 23)
ISBN 978-3-7772-1715-4 Gewebe : EUR 298.00 (DE),
EUR 274.00 (DE)
ISBN 3-7772-1715-8

Mit Hans-Christoph Pleßkes Bibliographie der historischen Personen und Ereignisse in der deutschsprachigen Literatur 1945–2000 liegt der 23. Band von Hiersemanns traditionsreichen bibliographischen Handbüchern vor. Es handelt sich um eine Bibliographie im besten klassischen Sinn. Mit Sorgfalt und Sachverstand wurden 10.648 Nachweise deutschsprachiger Literatur zwischen 1945 und 2000 zusammengestellt. Erschlossen wird die Literatur einerseits über die historischen Personen und Ereignisse, von denen sie handelt, und andererseits über die Epochen, in denen sie spielt. Ein umfangreiches Stichwortregister erlaubt Recherchen auch quer zu diesen Kategorien. Wer sich mit Geschichtsdarstellungen im Nachkriegsdeutschland beschäftigt, wird diese Bibliographie als Hilfsmittel dankbar annehmen.

Die Bibliographie basiert auf Teilen des historischen Zettelsachkatalogs der ehemaligen Deutschen Bücherei in Leipzig, heute Deutsche Nationalbibliothek (DNB). Dieser Katalog wurde bis 1993 geführt. Seitdem werden Werke im elektronischen Katalog OPAC verzeichnet. Die Katalogkarten des alphabetischen Katalogs wurden digitalisiert und in den elektronischen Katalog überführt. Die Zusatzinformationen auf den Karten des Sachkatalogs, wie z. B. über historische Figuren, literarische Motive und dergleichen, wurden jedoch nicht mit übernommen. Die ca. 25 Millionen Karten der historischen Kataloge sind heute nicht mehr öffentlich aufgestellt, sondern befinden sich im Magazin der Bibliothek in Kompaktregalanlagen, wo sie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bibliothek und Forschenden zu Recherchezwecken noch zur Verfügung stehen. Die Informationen des Zettelkataloges wurden für die Bibliographie überprüft, berichtigt und wo notwendig ergänzt. Auch wurden Werke aufgenommen, die im Katalog fehlten. Pleßke hat den Zeitraum der berücksichtigten Literatur bis in das Jahr 2000 verlängert und dabei mehr als tausend zusätzliche Titel aufgenommen. Das Ausgangsmaterial der Bibliographie Pleßkes macht sie nicht nur als literaturwissenschaftliches Werk zeug interessant, sondern auch als medienhistorisches Artefakt. Das gewaltige Werk erscheint zu einer Zeit, in der eine Bibliographie in Buchform jeden Anspruch auf Normalität verloren hat. Große allgemeinbibliographische Unternehmen wie die Deutsche Nationalbibliografie erscheinen länger schon nicht mehr auf Papier gedruckt und gebunden, sondern allenfalls noch als PDF. Üblicherweise ist der Zugriff auf sie auch über elektronische Datenbanken, heute meistens im Internet, möglich. Auch Fach- oder Spezialbibliographien, die noch gedruckt erscheinen, wie die Bibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft (BDSL), können oft online konsultiert werden. Dieser Medienwechsel hat grundlegende Auswirkungen auf die Funktionsweise, Anlage und Verwendung bibliographischer Nachschlagewerke, die nun bibliographische Informationssysteme heißen. Hans-Christoph Pleßkes Bibliographie ist tiefer in diesen Medienwandel verstrickt, als ihr vielleicht selbst klar ist. Zwar beruht die Bibliographie auf den alten, bis 1993 geführte Zettelkatalogen der Deutschen Bücherei, doch diese sind seit den 1970er-Jahren von kaum sichtbaren Spuren der digitalen Kultur durchzogen. Seit 1968 verfolgte man in der Deutschen Bücherei Leipzig und in Zusammenarbeit mit der Karl-Marx-Universität Leipzig das Projekt, die Nationalbibliographie und damit mittelbar auch die Kataloge mithilfe von Computern – oder in der Sprache der Zeit: Elektronische Datenverarbeitung – EDV – zu erstellen. Mithilfe von Datenerfassungsformularen, Lochstreifen, Magnetbändern und EDV-Anlagen verschiedener Typen wurde der traditionelle Bleisatzdruck der Hefte der Nationalbibliographie 1972 durch elektronischen Fotosatz ersetzt (vgl. Rost, Gottfried: Das EDV-Projekt Bibliographieherstellung der Deutschen Bücherei. In: Bibliographie aktuell 1978 (2), S. 40–51). Elektronisch wurden die Titeldaten der Nationalbibliographie nach Sachgruppen und Reihen sortiert. Auch die Erstellung der Schlagwortregister erfolgte ab 1974 vollautomatisch. Aus demselben Prozess gingen auch die Titelkarten hervor, die dann in die scheinbar so analogen Zettelkataloge einsortiert wurden.

Auf einer »Internationalen Beratung von Experten sozialistischer Länder vom 2. bis 5. Mai 1978 in der Deutschen Bücherei in Leipzig« tauschten sich Vertreterinnen und Vertreter mehrerer osteuropäischer Nationalbibliotheken über das Verhältnis von elektronischer Datenverarbeitung und Nationalbibliographie aus. Bereits damals erkannte man: »Der Einsatz der EDV verändert nicht nur die Arbeit des Bibliographen, sondern auch sein Denken.« (vgl. Rost, Gottfried: Nationalbibliographie und elektronische Datenverarbeitung. In: Bibliographie aktuell 1978 (2), S. 7–14, hier S. 8). Das in den 1970er-Jahren unter maßgeblicher Beteiligung der Deutschen Bücherei erarbeitete bibliothekarische Regelwerk »RAK – Regeln für die alphabetische Katalogisierung« entstand schon unter dem Eindruck der absehbar werdenden neuen Möglichkeiten und Technologien (vgl. ebd., S. 41 f. und S. 50 f.). Elektronisch erstellte Bibliographien forderten ein strenges Maß an Standardisierung, weil die Computer der Zeit unerwartete Informationen nicht verarbeiten konnten. Man war sich vollkommen darüber im Klaren, dass die Einführung elektronischer Datenverarbeitung in die Bibliographie unweigerlich dazu führen würde, dass man Datenbanken bald in Echtzeit mit immer wieder wechselnden Suchen befragen würde (vgl. Tomaselli, Günter und Gerald Kahnt: Rechentechnische Probleme bei der Verarbeitung großer Mengen bibliographischer Daten. In: Bibliographie aktuell 1978 (2), S. 96–104). Die gedruckte Bibliographie und die thematisch kuratierte Ablage von Titelkarten in einem Sachkatalog sind solche Abfragen, wie sie unter den Bedingungen einer typografischen Kultur möglich sind. Die Ergebnislisten von Web-OPACs sind das Pendant dazu in der elektronisch-digitalen Welt.

Und so kann man auch die Suchergebnisse, die Hans-Christoph Pleßkes Bibliographie abdruckt, durch gezielte Suchanfragen an den elektronischen Katalog der Deutschen Nationalbibliothek ermitteln. Man bekommt sie dort aber nicht ohne weiteres in der Klarheit und Übersichtlichkeit der gedruckten Bibliographie. Der kleine historische Exkurs hat gezeigt, dass die scheinbar so klare analoge Welt schon länger als vielleicht gedacht elektronische Prinzipien und Verfahren inkorporiert hat. Und deshalb mag umgekehrt gelten, dass bestimmte analoge Verfahren und Kompetenzen keineswegs obsolet geworden sind. Die bibliographischen Prinzipien, die Pleßke in seinem Vorwort erläutert, seine Entscheidungen zur Reichweite der Recherche, zum Korpus der ausgewerteten Literatur etc. müssen heute wahlweise von denjenigen immer wieder neu getroffen werden, die Suchmaschinen wie einen elektronischen Bibliothekskatalog bedienen oder ihn programmieren.

Diese wissensethische Herausforderung besteht über die verschwommene Grenze zwischen typografischen und elektronischen Medien hinweg. Hans-Christoph Pleßkes Bibliographie hilft nicht nur die belletristische Nachkriegsliteratur über Ernst Thälmann oder Anna Magdalena Bach zu finden, sondern auch, sich dieses Umstandes bewusst zu werden in einer Zeit, die als Digitalisierung zu bezeichnen, man sich fast schon gewöhnt hat.

Erschienen in Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 1/2018, 65. Jg, S. 62–63.

© 2017 André Wendler