Sie haben heute die seltene Gelegenheit an einem Abend fast alles zu hören, was an romantischen Konzerten spannend und im Vergleich zu klassischen Konzerten neu ist. Im Barock und in der Klassik gab es Konzerte für fast alle Instrumente: sämtliche Holz- und Blechbläser, Streichinstrumente und natürlich die Tasteninstrumente musizierten gemeinsam mit dem gesamten Orchester. Die Soloinstrumente waren dabei vom Orchester ordentlich getrennt. Bei Konzerten von Mozart oder Haydn ist immer ganz deutlich zu hören, wer gerade die Hauptrolle spielt: das Soloinstrument allein, das Orchester allein oder das Soloinstrument in Begleitung des Orchesters. Daraus ergeben sich ganz klare und leicht zu erkennende Formen. Die Themen werden zunächst vom Orchester und vom Soloinstrument einzeln vorgestellt und dann gemeinsam bearbeitet. Das Vergnügen für die Zuhörer bei klassischen Konzerten besteht darin, den Themen durch die unterschiedlichen Instrumente und Instrumentengruppen zu folgen und nachzuvollziehen, wie diese auf ihrem Weg langsam verändert werden.

 

In den großen romantischen Konzerten, von denen Sie herausragende Beispiele im heutigen Konzert hören, hat sich das Verhältnis von Orchester und Soloinstrument deutlich geändert. Nehmen wir als Beispiel das Cellokonzert von Schumann. Das Konzert beginnt mit einem Akkord der Holzbläser über den sich ein kleines Motiv der Flöten erhebt. Über einem sanften Bett aus Streichern entwickelt dann das Cello sein erstes langes Thema aus diesem Flötenmotiv. Das Orchester wird jedoch das Thema seinerseits nicht noch einmal spielen. Die musikalische Idee des Satzes entwickelt sich stattdessen im ständigen Miteinander von Soloinstrument und Orchester, ohne dass die beiden Parteien jemals wieder ganz deutlich auseinander träten. Das Cello nimmt auf, was das Orchester vor ihm gespielt hat und kommentiert es, verändert es. Man kann sich dieses Wechselspiel wie eine angeregte Unterhaltung vorstellen: was ein Gesprächspartner sagt, wird von der zweiten Partnerin aufgegriffen, sie fügt etwas neues hinzu, hinterfragt es oder wirft plötzlich eine ganz neue Idee in den Ring, auf die ihr Gegenüber wiederum reagieren muss. Immer wieder wirft das Orchester mitten in die Phrasen des Cellos Akkorde ein, die dem ersten Akkord des Konzertes ähneln, ganz so, als wollte es an schon gesagtes erinnern. Wenn man die Gesprächspartner am Ende einer solchen Unterhaltung fragt, worüber sie gesprochen haben, werden sie vielleicht antworten: »Ach, über alles mögliche.« Und so ähnlich funktioniert Schumanns Konzert.

 

Es geht nicht darum ein Thema auszubuchstabieren und quasi akademisch zu erschöpfen, sondern es geht darum im Gespräch, im Fluss zu bleiben, der zwar eine Orientierung hat aber doch in ganz verschiedene Richtungen abschweifen kann. Immer wieder präsentieren uns Orchester und Violoncello quasi aus heiterem Himmel ganz neue Einfälle, die manchmal weitergetragen werden und manchmal gleich wieder von der nächsten Idee abgelöst werden. Manchmal kommt das Cello ins Plaudern und entwickelt lange Monologe, manchmal scheint es das Orchester fast ironisch zu wiederholen. Es gibt sogar Stellen, an denen das Cello das Orchester begleitet (und nicht umgekehrt, wie es klassischer Weise sein sollte). Der dritte Satz funktioniert dann so ähnlich, wie der Schluss eines langen Gespräches: man erinnert sich an Dinge, die schon einmal gesagt wurden, wiederholt einiges, hat anderes ganz vergessen und versucht alles noch einmal miteinander in Beziehung zu setzen. Auch das macht Schumann hier: die Themen aus dem ersten und zweiten Satz tauchen im dritten wieder auf. Das ist ein zu Schumanns Zeiten noch ganz ungewöhnliches Vorgehen und zeigt die Besonderheit und Neuheit seiner romantischen Musik auf. Eine weitere Besonderheit des Schumannschen Konzertes: die Sätze gehen nahtlos ineinander über, so wie man in einem Gespräch von einem Thema auf ein anderes kommt. Im Laufe des Konzertes treten immer wieder einzelne neue Figuren hervor. Im zweiten, langsamen Satz tritt an einer Stelle aus dem Orchester ein zweites Cello hervor und in einem kleinen kammermusikalischen Moment wissen wir gar nicht mehr, welches der beiden Instrumente ›unser Cello‹, also der Held vom Anfang, gewesen ist. Im dritten Satz plappern die Flöten mit dem sehr bewegten Cello immer wieder um die Wette.

 

Was könnte aber das Thema dieses Gespräches zwischen Orchester und Cello sein? Worüber unterhalten sich die beiden Figuren so angeregt und über drei musikalische Sätze hinweg? Um diese Frage zu klären, würde ich gern auf das erste Stück des Abends zu sprechen kommen, Carl Maria von Webers Ouvertüre zu seiner Oper Oberon. Dieses Stück besteht einerseits aus langen und energisch vorwärts treibenden Passagen des gesamten Orchesters. Dazwischen finden sich aber immer wieder ganz zarte und kleine Solostellen: gleich zu Anfang der zerbrechliche Ruf des Horns, später das wiegende Thema der Klarinette. Diese Themen, die später in der Oper ihre charakteristische Bedeutung erfahren werden, sind nicht einfach Tonmaterial, das von allen Instrumenten gespielt werden kann, sondern sie sind an die besondere Klangfarbe der jeweiligen Instrumente gebunden, gehören zu ihnen. Dieses besondere Interesse für die Klangfarben einzelner Instrumente ist typisch romantisch und zeigt sich letztlich in der ständig wachsenden Zahl der Instrumente im romantischen Orchester.

 

Wir sehen das auch, um zu Schumann zurück zu kommen, bei seinem Cellokonzert. Das Cello ist nämlich als Soloinstrument nur sehr selten anzutreffen. Schumanns Konzert gilt als erstes bedeutendes Konzert für dieses Instrument seit Haydns D-Dur-Konzert aus dem Jahr 1783. Der Grund dafür liegt in der Klangqualität des Cellos: mit seinem tiefen und relativ matten Klang wird es leicht von den übrigen Streichinstrumenten, besonders Geigen und Bratschen überdeckt. Schumann legt deshalb den ganzen Streichersatz so an, dass das Cello immer deutlich hörbar bleibt. Im zweiten Satz spielen die Streicher fast ausschließlich pizzicato, zupfen also die Seiten. Außerdem sind die Streicher sehr tief angelegt, so dass das Cello immer über ihnen hörbar bleibt. Und darin liegt die Antwort auf unsere zuvor gestellte Frage, was denn das Thema des imaginären Orchestergesprächs dieses Konzertes sein könnte. Es scheint der besondere Klang des Violoncellos zu sein. Dem Cello wird hier der Platz geboten, um über und von sich zu sprechen, seinen besonderen Klang hörbar zu machen: seine virtuosen Sprünge über mehrere Oktaven, sein trauriges und verschattetes Singen, sein gemessenes Parlieren. Der ganze Klang dieses Konzertes ist vom Cello her gedacht und wird von ihm bestimmt. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass das Cello der Uraufführung 1860 wohl ziemlich anders geklungen hat, als in unserer Aufführung heute. In der Mitte des 19. Jahrhunderts stand das Cello meistens nicht auf einem Stachel auf dem Boden, sondern wurde mit den Unterschenkeln gehalten. Außerdem bestanden die Saiten bis weit ins 20. Jahrhundert aus Naturdarm, was den Instrumenten einen weicheren Klang verlieh als bei den heute üblichen Stahl- oder Kunststoffsaiten. Insofern hat uns Schumann und sein Konzert immer wieder etwas neues über den Klang des jeweiligen Cellos zu sagen, mit dem es gespielt wird.

 

Text im Programmheft des 4. Sinfoniekonzertes der Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt in der Spielzeit 2013/14

Ein Gespräch für Cello und Orchester

© 2017 André Wendler