Leipzig war um die Jahrhundertwende des 19. und 20. Jahrhunderts der wichtigste Standort für deutsche Verlage und Buchgroßhändler. Im Graphischen Viertel östlich der Innenstadt konzentrierten sich die meisten Firmen. Bei einem alliierten Bombenangriff in der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember 1943 wurde das Graphische Viertel fast vollständig zerstört.

Das graphische Viertel

Betriebe des Buchgewerbes siedelten sich vor allem im Lauf des 19. Jahrhunderts im heutigen Zentrum Ost, Reudnitz und Thonberg an. Leipzig entwickelte sich in dieser Zeit zum wichtigsten Standort des Buchgewerbes in Deutschland. Fast alle deutschen Bücher wurden über den Leipziger Platz gehandelt. Hier befanden sich große Zwischenbuchhändler. Sie hatten die Bücher der meisten Verlage vorrätig und konnten die Bestellungen von Buchhandlungen in ganz Deutschland schnell und kostengünstig abwickeln.

Auf engstem Raum gab es im Graphischen Viertel alle Betriebe, die zur Herstellung von Büchern notwendig waren: Schriftgießereien, Druckereien, Buchbindereien und Buchhändler. Die räumliche Nähe war ein großer logistischer Vorteil in einer Zeit, in der alle Waren mit Pferdekutschen oder Handwagen transportiert werden mussten. 1874 wurde der Eilenburger Bahnhof auf dem Gelände des heutigen Lene-Voigt-Parks eröffnet. Damit wurde der Transport von Papier, Metall und Maschinen nach Leipzig und der Versand von Büchern aus dem Graphischen Viertel vereinfacht.

Um 1913 gab es in Leipzig etwa 2.200 Standorte von Betrieben des Buchgewerbes, über 90 Prozent davon hatten ihren Sitz im Graphischen Viertel. In manchen Straßen gab es in jedem Haus ein Unternehmen des Buchgewerbes. 10 Prozent der Leipziger Bevölkerung arbeiteten damals in diesem Bereich. Verlage wie F. A. Brockhaus, Reclam, das Bibliographische Institut, Breitkopf & Härtel, C. G. Röder und viele mehr hatten ihren Sitz hier.

Die Zerstörung am 3./4. Dezember 1943

Bis 1943 war Leipzig von großen Kriegszerstörungen verschont geblieben. In der Stadt gab es allerdings wichtige Hersteller von Militärflugzeugen und anderem Kriegsgerät. Der Leipziger Hauptbahnhof war ein Knotenpunkt des Bahnverkehrs und schließlich spielten die Betriebe im Graphischen Viertel eine wichtige Rolle bei der Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda.

In der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember 1943 flogen hunderte britische Bomber einen vernichtenden Großangriff auf Leipzig. Dabei wurde insbesondere das Zentrum der Stadt innerhalb des Rings sowie die angrenzenden Stadtteile stark getroffen, darunter auch das Graphische Viertel. Die großflächigen Brände erzeugten einen Feuersturm, der verbrannte Papierfetzen bis nach Halle trug. Die Bücherlager großer Buchhändler und Antiquare fingen Feuer und brannten teilweise wochen- und monatelang. In einigen Druckereien und Setzereien floss das Metall geschmolzener Drucktypen die Treppen herunter. Schätzungen zufolge verbrannten in dieser Nacht und ihrer Folge etwa 50 Millionen Bücher.

Für das Graphische Viertel bedeutete die Zerstörung das Aus. Nach dem Krieg konnte es nur teilweise wiederaufgebaut werden, zahlreiche Betriebe siedelten sich im Westen des geteilten Deutschlands an.

Digitale Karte

Mit dem digitalen Stadtplan der Buchstadt Leipzig soll die Dichte und die Verteilung der buchgewerblichen Betriebe in Leipzig 1913 sichtbar gemacht werden. Im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig wurden dazu alle entsprechenden Betriebe in eine Datenbank übertragen und nach Gewerbetypen sortiert.

Das Amt für Geoinformation und Bodenordnung der Stadt Leipzig recherchierte die heutigen Entsprechungen der historischen Adressen, ergänzte die Geokoordinaten und erstellte die unten stehende interaktive Anwendung.

Die Daten, die dem digitalen Stadtplan zugrunde liegen, sind frei verfügbar und können von allen Interessierten auch für eigene Projekte weiterverwendet werden. Zu den Rohdaten auf GitHub

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